Was ist Rollenspielen?

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Dies ist ausdrücklich nicht eine Definition, à la "Was ist ein Rollenspiel?", also nicht als ein Genre von Spiel, wie es Karten-, Brett-, Ball-, Strategie-, oder Videospiel sein können. Es geht um die Aktivität des Rollenspielens, die in vielerlei Kontexten angetroffen werden kann – diese zu identifizieren, fassbar zu machen und ein besseres, gegenseitiges Verständnis zu erlangen, warum es so ein schöner Zeitvertreib sein kann!

Gespräche, die Fiktion schaffen

Schlüpfen wir in eine Rolle, erschaffen wir auf einer bestimmten Ebene eine Fiktion. Somit, wenn wir dies in einer Gruppe tun, erschaffen wir eine gemeinsame Fiktion; oft eine vielschichtige, die auch nicht zwischen allen Beteiligten deckungsgleich sein wird. Dies geschieht durch Sprache und aufeinander aufbauende Unterhaltung. Tun wir all dies ganz bewusst in einem Akt des Spielens, führen wir eine Unterhaltung, um und in der wir miteinander Fiktion erschaffen.

Mit dieser einfachen Betrachtung könnte man es belassen, jedoch lohnt es sich einige Aspekte genauer zu betrachten.

Die Unterhaltung

Z.B. können wir uns auf ganz unterschiedlichen Betrachtungs- und Kommunikationsebenen unterhalten, um Fiktion zu erschaffen. Eine der ersten, an die man denkt, ist, aus der Sicht einer fiktiven Person zu einer anderen fiktiven Person zu sprechen (oder auch anderweitig handeln!), wie wir das von Schauspieler_innen kennen, die doch per Definition eine Rolle spielen. Wir erschaffen aber genauso eine Fiktion, wenn unsere Unterhaltung über solche fiktiven Personen erfolgen und wie sie handeln, was sie erleben, auch was sie vielleicht nicht wahrnehmen mögen. Wir können diese Unterhaltung anhand von kühlen faktischen Beschreibung, oder durch sehr blumige Umschreibungen, tun. Wir können allerdings auch Fiktionen erschaffen, in denen wir nicht auf Einzelakteure blicken, sondern auf Gruppen; diese können klar definiert oder vage sein. Das kann auf ihre Anzahl reduziert sein, oder was sie an einem bestimmten Tag, auf einer bestimmten grünen Wiese miteinander tun. Wir können jeweils aus deren Sicht sprechen, oder mit Blick auf sie, und wir können das in wilder Mischung im fliegenden Wechsel tun. Und all das erzählt eine andere Geschichte.

In jedem Fall, findet immer eine Auswahl an Aspekten statt, die detailliert betrachtet werden und die, für die Fiktion, die wir spezifisch erschaffen, von Relevanz sind. Dieser Fokus kann beispielsweise auf spezifische Fähigkeiten der Spielfiguren liegen, auf ihre soziologische Situierung, auf dem was diesen widerfährt. Diese Auswahl beeinflusst auch die Charakteristika, die unsere Fiktion prägen.

Aber, ob es nun fantastische Miniaturen von Raumschiffen auf Spanplatten sind, die umher geschoben werden; ob Puppen sich zum Tee einfinden; ob eins nur Goblins aus seinem Deck herbeiruft; ob wir uns zusammen eine Reise einer Tomate, eines Kohlrabis und eines Brokkolis zu einem fernen Kontinent ausdenken — allen gemein ist, wie im Moment der Erschaffung und Wahrnehmung, der Reflexion und Wiederspiegelung, des Fortwebens und Weiterspinnen der Fiktion, wir eine ganz direkte und persönliche Begegnung mit den anderen Gesprächsteilnehmern erfahren.

persönliche Begegnung

Diese persönliche Begegnung entsteht durch das gemeinsame Erleben, und wie wir bei einer Erschaffung von Fiktion aufeinander aufbauen: denn zentral dabei ist die Rezeption; das Aufnehmen der anderen Person, was diese in Reaktion uns widerspiegelt. Sei es durch konzentrierte Aufnahme, nonverbale Mimik und Gestik, und natürlich auch der Rückantwort, für die wir wiederum zum Rezeptienten werden. In der gegenseitigen Bestätigung, wird die zwischen uns geschaffene Fiktion zu ihrem eigenen, externalisierten Sachverhalt, an dem wir Anteil haben, aber weder alleinige Verantwortung, noch Verfügung. Sie wird zu einem Gefüge des Austauschs, in dem unser eigener Anteil sich mit dem der anderen vermischt und nicht mehr klar zu trennen ist.

Es ist nicht zu verachten, wie intim eine solche Begegnung ist, die sich in der Erschaffung gemeinsamer Fiktionen vollzieht.

Äußerst spannend dabei ist — wie oben schon anklang — auf wie vielen unterschiedlichen Weisen, diese Gespräche zur Erschaffung von Fiktion vonstatten gehen.

Dabei soll hier die als "professionell" deklarierbaren ausgeklammert sein — nicht weil sich Folgendes nicht auch bei diesen beobachten lassen könnte, nur weil diese aus ihrer professionellen Natur heraus rigide Strukturen haben, die funktional auch dafür sorgen, dass die vorhin mögliche Intimität verhindern soll: Nachrichten-Headlines, die von Menschen geschrieben sind, bedienen sich auch vieler narrativer Techniken; so wie das auch Unterhaltungsprodukte, wie Filme und Serien tun, an die wir typischerweise denken — aber all das, was diese zu Produkten macht, sorgt auch dafür, dass wir eben keine persönliche Begegnung mit dem Redakteur, der Schauspielerin, der Intendantin, nicht mal mit dem Komödianten, der mit seinem Publikum interagiert, wirklich haben. Das sind rein parasoziale Beziehungen.
Wir schieben diese gedanklich beiseite, in dem Wissen, dass viele ähnliche Dynamiken dort auch wirken und zutage treten — geht es hier jedoch gerade nicht darum, was in der Aktivität der Erschaffung gemeinsamer Fiktion in einer spezifisch konsumschaffenden 2. oder 3. Ableitung geschehen mag.

Der Fokus liegt auf der persönlichen Begegnung, und wie diese sich durch den Akt des Rollenspielens entfaltet. Dafür sind auch Spiele ausgeklammert, bei denen Fiktion eine untergeordnete Rolle spielt: Ja, Erzählerisches kann auch in ♘ deckt B5, bedroht gleichzeitig D5 und E4 hinein gelesen werden, aber für die Spielenden (und ihre persönliche Begegnung, die beim Schach eher sportlicher Natur ist) hat die Schaffung einer gemeinsamen Fiktion eher eine untergeordnete Relevanz.

Das Gespräch

Welche Arten von Austausch gibt es dagegen, die sehr wohl die Erschaffung einer gemeinsamen Fiktion von hoher Priorität beinhalten?

Schon angesprochen wurde das sprich- und wortwörtliche Verkörpern von Spielfiguren durch einzelne Spielende. Mit direkter Rede, wenn Spielende in der Stimme der Spielfiguren miteinander sprechen; aber auch sich kleiden, bewegen, wie ihre Spielfiguren, in entsprechenden Räumen, inklusive gewisser abstrakterer Handlungen, wie dem Nutzen von Schlüsselwörtern, um Metainformationen reibungslos austauschen zu können (wie in unterschiedlichen LARP-Formen).

Oder der Verwendung umfangreicherer Spielsysteme, damit sich die Fiktion um bestimmte komplexe Dynamiken drehen und diese zugänglich und nachvollziehbar verhandelt werden kann (taktisch- & strategisch-geprägte Spielsysteme, deren Buchhaltungsaspekte der Fiktion Textur verleihen). In diesem Fall werden große Teile des Gesprächs, das die Fiktion erschafft, in einer Form geführt, die denen ähnelt, wie sie in Gesellschafts- oder Kartenspielen, die im Wettbewerb betrieben werden, vorzufinden sind (oder gar solche sind). Für Unbeteiligte nicht unbedingt offensichtlich, spielt die Erschaffung der Fiktion eine zentrale Rolle: öfter als nicht, haben die konkurrierenden Parteien in diesen Spielen keine faire Balance, wie eins sie für einen sportlichen Wettbewerb voraussetzen würde.

Teils im Kontrast (90er Jahre sog. "Trad"-Spiele mit ihren Regalen voller Hintergrundbände), teils sehr verwoben (Miniaturspiele in fantastischen Welten), kann auch reine Informationsdichte, durch ausführliche Beschreibungen, die den Spielenden gar als Sprache und eigenen Wortschatz dienen, eine Gesprächsbasis zur Erschaffung ihrer Fiktion dienen — wobei dies oft Hand-in-Hand mit erzählerischen Perspektiven geht, die zwar mitnichten neutral sind, aber eben nicht direkt analoge Verkörperungen (wie das direkte Sprechen als eine Figur) sind.
Sondern eine Unterhaltung, die eher derjenigen gleicht, wie sie eins sich die Unterhaltungen in einem Writer's Room einer Fernsehserie vorstellt: es wird über Spielfiguren, ihre Situation, Handlungsmöglichkeiten, Plotwendungen spekuliert und sich ausgetauscht; welche Auswirkungen diese oder jene Entscheidungen haben kann, und dann gemeinsam entschieden.

Und all diese Gesprächsformen können im Fluß sein — denn auch für letztere Perspektiven, die eher einer Autoren- oder Intendantensicht ähneln mögen, gibt es Spielsysteme, die dramaturgisch unterstützen und strukturieren. Oder es gibt für LARP-Techniken, durch die Innenleben von Figuren für alle Spielenden erfahrbar wird.
Ebenso können diese Formen im fliegenden Wechsel stattfinden; in Dritter Person die Taten einer Gruppe beschließen, mit direkter Rede einen Ausruf einer bestimmten Spielfigur am Spieltisch schmettern und sich im nächsten Moment darüber unterhalten, wie wir eine Spielressource möglichst geschickt zwischen unterschiedlichen Spielfiguren aufteilen, und was das Wie und Warum der Geschehnisse bedeutet — in jedem einzelnen Schritt, wird unsere gemeinsame Fiktion weitergesponnen.

gemeinsames Erleben über gemeinsame Erwartungen

Die Vielfalt an Möglichkeiten, wie wir Gespräche, die Fiktion erschaffen, führen können — und ohne überhaupt irgendwelche Inhalte berücksichtig zu haben! — ist eine der Hauptursachen, warum es eine unendliche Anzahl Diskussionen dazu gibt, was Richtiges Rollenspiel™️ ist. Der Diskurs. Falls dir das nichts sagt und du soweit gelesen hast... Willkommen! Du bist mitten drin ;-)

Am Ende des Tages ist es immer dann "richtiger", wenn eine möglichst hohe gemeinsame Ausrichtung der Erwartungen aller Beteiligten vorliegt. Gerade dafür lohnt es sich offen und neugierig zu sein, welche Formen neben den bereits vertrauten, möglich sein können, und sich dafür zu begeistern, neue Möglichkeiten diesen besonderen, persönlichen Begegnungen zu finden!